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Für die Produktentwicklung scrummen wir, thinken design und füllen Canvases aus. Alles, um den Kunden in das Zentrum unseres Handelns zu stellen. Allerdings vergessen wir manchmal, dass so ein Produkt ja auch gebaut werden muss. Und – gerade in der aktuellen Zeit – vergessen wir manchmal auch, dass es dafür schon sehr gut ausgearbeitete Methoden gibt.

Produktentwicklung ist keine Neuerfindung

Gerade in unserer deutschen Ingenieurskultur wird die Qualität von Produkten besonders wertgeschätzt. Diese Haltung hat uns lange Zeit auch einen deutlichen Vorteil gebracht. „Made in Germany“ war – und ist immer noch – ein Label, das für höchste Qualität steht.

Und für Perfektionismus. Leider ein Wert, der aktuell nicht mehr sonderlich geschätzt wird. Auch von den Verbrauchern nicht. So feilen wir in unseren Werkstätten und Laboren noch an unseren Produkten, während andere diese schon längst auf den Markt gebracht haben. Die funktionieren dann zwar nicht immer so, wie wir uns das wünschen – aber sie sind verkauft. Und so lange es sich um ein GEbrauchsgut (oder auch eine Dauer-Dienstleistung) handelt, wird der Kunde nur schwer zu bewegen sein, zu wechseln. Selbst wenn unsere Version wirklich funktioniert. Es geht dann sogar soweit, dass sich Kunden an bestimmte Fehler so gewöhnen, dass sie diese schon in ihre Prozesse verankern. Das Fehlen dieses Fehlers wird dann sogar als störend empfunden.

Zugegebener Maßen haben wir diesen Perfektionismus teilweise auch auf die Spitze getrieben. Das führt zu Kuriositäten: z.B. bringen wir Dienstleistungen nicht auf den Markt, nur weil wir sie nicht perfekt in unseren Abrechnungssystemen abbilden können. Das junge Start-Up nutzt dann halt einfach Excel und überlegt sich mit der Zeit, wie man die Abrechnung optimiert.

Also sind wir auf der Suche nach Methoden, die uns helfen, effizienter bei der Produktentwicklung zu werden. Das bezieht sich in aller Regel auf zwei Ebenen: Zum einen geht es darum, den Kunden viel schneller in die Entwicklung einzubinden und Produkte zu verproben. Zum anderen geht es darum, die geballte Kompetenz eines Unternehmens für die Produktentwicklung zu nutzen. Weg vom Silo-Denken, hin zur interdisziplinären Schwarm-Intelligenz.

Produktentwicklung mit dem House of Quality

Nun ist es aber so, dass – auch wenn uns aktuell einige das Glauben lassen wollen – diese Herausforderungen nicht erst in den letzten 10 Jahren erkannt wurden (vgl. auch Blogartikel). So möchte ich heute eine leider fast vergessene Methode vorstellen, die der Japaner Yōji Akao bereits 1966 entwickelte: Das Quality Function Deployment.

Im Grunde genommen, beschreibt diese Methode nichts anderes als einen Prozess zum Überführen von Kundenanforderungen (Qualities) in Leistungsmerkmale (Functions). Akao war bereits damals klar geworden, dass ein Großteil der Effizienz in der Produktentwicklung eingebüßt wird, weil Entwicklungsteams die Produkte „am Kunden vorbei“ entwickelten.

So entwickelte er ein Verfahren, bei dem Entwicklungsteams Kundenwünsche und Produktfunktionen schon sehr früh miteinander in Verbindung bringen. Im Kern dieses Verfahrens steht das sogenannte House of Quality.

Im House of Quality listen Sie zunächst die Anforderungen der Kunden an das Produkt, das WAS auf. Diese Kundenanforderungen gewichten Sie. Die Gewichtung kann z.B. aus ergänzenden Wettbewerbsanalysen oder auch durch das Betrachten von Kundenaufgaben bzw. -problemen abgeleitet werden (vgl. auch Blogartikel). Meist wird die Gewichtung auf einer Skala von 1-10 angegeben.House of Quality

Die gewichteten Kundenanforderungen werden nun mit möglichen Lösungen (Leistungsmerkmalen, functions) in Verbindung gebracht. Dabei ist es wichtig, dass es nicht nur EINE Lösung geben kann. Hier können und sollen Sie einen kreativen Prozess in Gang setzen. Im ‚Kern‘ des Hauses wird dann die Stärke des Zusammenhangs zwischen Kundenanforderung und Leistungsmerkmal ausgewiesen. Meist in der Ausprägung stark (9), mittel (3) und schwach (1). Im Dach wird dann noch überprüft, ob sich bestimmte Leistungsmerkmale gegenseitig unterstützen oder eventuell negativ beeinflussen (z.B. wird die Leistung eines Motors den Verbrauch negativ beeinflussen).

Am Ende des Prozesses können Sie durchaus auch mathematisch ableiten, auf welche Leistungsmerkmale ein besonderes Augenmerk gerichtet werden sollte, wenn Sie die Kundenanforderungen bestmöglich erfüllen möchte (Bedeutung der Leistungsmerkmale).

Mach‘ es zu Deinem Projekt

Die New-Work-Fetischisten unter uns werden mir jetzt wahrscheinlich darlegen, dass es sich hier auch wiederum nur um eine eingrenzende, sequentielle Methode handelt. Doch am Ende ist es das, was Sie daraus machen. So soll auch Akao zu seiner Methode gesagt haben: „Copy the spirit, not the method!“

Im Kern dieser Methode steht nämlich der interdisziplinäre und interaktive Austausch zwischen Marktkompetenz und Produktkompetenz. Zudem geht es darum, einen eher qualitativen Ansatz zu quantifizieren. Dabei kommt es weniger auf die absoluten Zahlen an, die am Ende dieses Prozesses stehen. Vielmehr geht es darum, eine handfestere Diskussion führen zu können. Wer nun entgegenhält, dass diese Ergebnisse nur eine Scheingenauigkeit vorgaukeln, da die Urteile ja alle mit einer gewissen Unsicherheit und Unschärfe belegt sind. Stimmt! Aber zum einen ist das gar nicht so wesentlich und zum anderen: auch diese Unsicherheiten bzw. Unschärfen ließen sich z.B. mittels der Fuzzy Set Theorie abbilden. Aber das mag an dieser Stelle zu weit führen.

Sie sehen also, dass das Quality Function Deployment (QFD) mit seinem House of Quality eine durchaus flexible Methode ist. Ihre Stärke liegt im interdisziplinären Ansatz. Und er wird funktionieren, wenn Sie bereits interdisziplinäres Arbeiten gewohnt sind. Falls nicht, kann es sogar sein, dass dieser Ansatz Sie ausbremst. Aber das hat er mit allen anderen Ansätzen wie Scrum, Design Thinking und ähnlichem gemeinsam.

Sie wollen wissen, wie Sie diesen Ansatz am Besten auf Ihre aktuelle Aufgabenstellung adaptieren können? Und was die größten Fallstricke dabei sind? Gerne denken wir mit Ihnen gemeinsam darüber nach und berichten aus unseren praktischen Erfahrungen.

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